Atelier³ - Kunst braucht Raum - Räume brauchen Kunst

Warum so und nicht anders?

Das weiße Waldsiebenhorn  (W7H), auf dem Kopf seinen feuerroten Zierrat, von dem es seinen Namen hat, tritt verwundert aus dem Wald und verharrt einen Augenblick. Wo gibt es ein W7H und welcher Wald soll das sein? Nein, in Wahrheit gibt es – bis jetzt – kein W7H, den Wald vielleicht. Oder gibt es das W7H doch? Es steht da, neugierig, erstaunt und ganz dreidimensional. Es ist nicht aus Fleisch und  Blut, wie man so sagt, sondern aus Keramik. Es ist nicht hervorgegangen aus einer brünftigen Paarung sondern meinem Gehirn entsprungen, ist aus dem noch immer nicht vollständig erforschten biochemisch-elektrisch funktionierenden Organ, rein als Idee geboren – gewissermaßen verwandt mit Athene, die dem Kopf des Zeus entsprungen ist, eine Kopfgeburt also. Eine Materie gewordene Idee. Die Idee entspringt dem unermesslich weiten Raum des Denkens und nimmt buchstäblich Gestalt an, wird zu einem weißen W7H.

Es provoziert die ganz banale Frage: warum so und nicht anders?
Meinetwegen  auch: was soll das?

In dieser Situation befinde ich mich mit allen – fast allen – meinen keramischen Arbeiten der letzten Jahre und die materiell gewordenen Ideen mit mir. Es ist vorstellbar, dass die uns bekannten und täglich neu entdeckten Dinge, die uns umgeben, von einem anderen intelligenten Hirn mit ganz anderen Eigenschaften als das menschliche sie hat, auch ganz anders wahrgenommen werden. Es ist denkbar, dass, wie schon in der Welt der sience fiction angenommen, andere Welten mit gänzlich anderen Äußerlichkeiten, Prinzipien und Zusammenhängen existieren als die unsrige, jetzt erlebte. Vorstellbar, aber vorläufig nicht beweisbar. Wer sich auf diese Gedankenwelt einlässt, begegnet zwangsläufig auch dem Absurden, Bizarren, Skurrilen. Die Kunst, die ja sehr viel mit dem Wahrnehmen, Denken und sogar dem Erforschen der menschlichen Hirnfunktion zu tun hat, lädt explizit zur Beschäftigung mit diesen Erscheinungen ein. Dazu bedarf es gar keiner komplizierter theoretischer Überlegungen sondern nur eines scharfen Blicks auf unsere Umgebung, auch wenn sie noch so banal ist.

Ein Hund mit einem Schweinekopf oder einem Schneckengehäuse, ein drachenförmiger Lindwurm mit einem Hahnenkopf, ein einfüßiger menschlich wirkender Vogel, der in einem modischen Damenschuh daherkommt, das kann es nicht geben, das gehört nicht zu unserer realen Welt und erscheint absurd, bizarr, skurril. Ebenso erscheinen beispielsweise Gegenstände absurd, die an Becher, Vasen oder sonstige Gefäße erinnern, deren Funktion sie aber wegen ihrer Gestaltung auf keinen Fall übernehmen können.

Ich habe mir die Freiheit genommen, diese und ähnliche Ideen ins Leben zu rufen, d.h., ihnen Gestalt zu geben, sie zu bilden. Da die Kunst so etwas wie sichtbar gewordene Freiheit im Denken ist, sind das W7H und seine Zeitgenossen ohne weiteres Zeugnisse absurden, skurrilen und bizarren Denkens und haben damit einen Wert an sich. Einen Nutzen im herkömmlichen Sinn oder besser: im Sinne unserer menschlichen Vorstellungen haben sie freilich nicht. Warum müssen sie ihn haben?

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass es einen Nutzen an sich und als solchen gar nicht gibt. Er ist vermutlich nur eine Umschreibung einer Zweckdienlichkeit aus rein zielgerichteter menschlicher Sicht.

Die keramischen Skulpturen existieren als Materie und als Idee. Was da sichtbar geworden ist, hätte auch in anderer Form geschehen können, z.B. in Form einer Beschreibung, einer Erzählung, eines Gedichts, einer Komposition. Wenn ich mich für die Keramik entschieden habe, dann wegen  meiner Lust am spannenden Entstehungsprozess, der so viel mit Erde, Wasser, Feuer und Luft zu tun hat, der so viel mit  Überraschung zu tun hat. Das W7H wirft, wie alle vergleichbaren Absurden, natürlich Fragen auf, u.a. die grundsätzliche: warum gerade so und nicht anders?

Aber stellen wir uns doch einmal diese Frage bezüglich z.B. des Hirsches, des Schweins oder des Hasen. Warum sehen sie so und nicht anders aus? Mit dem Hinweis auf die Evolution und die damit scheinbar verbundenen Zweckmäßigkeit in Bezug auf Überlebenschancen wäre das nur verkürzt zu beantworten.

 Warum meinte die Evolution überhaupt ein Schwein hervorbringen zu müssen, einen Regenwurm oder ein Aidsvirus? Und wenn es dafür Gründe gibt, warum dann den Hirsch nicht mit blauem Fell und das Schwein mit sechs Beinen? Irgendetwas oder irgendwer – unser Schöpfer?- muss sich da die Freiheit genommen haben, es so und nicht anders werden zu lassen. Diese Freiheit der Idee und nichts anderes nehme ich mir als Künstler ungeachtet der Tatsache, dass die Idee nicht losgelöst ist von anderen, die in dem unendlichen Raum des Denkens, soweit die Leistung unseres Gehirns überhaupt reicht, vermutlich verborgen und auf geheimnisvolle Weise verknüpft sind.

Es würde zu weit führen, alle Aspekte und Fragestellungen aufzuführen, die sich dem Nachdenklichen bei der Betrachtung allein des W7H’s aufdrängen müssen. Wer sich dabei auf die Absurdität einlässt, stößt die Tür zu einer  Märchenwelt auf, gegenüber der die scheinbar von Logik und Norm beherrschte verblasst, vor allem die, und darum geht es ja hier, der gewohnten Formen, Gesetzmäßigkeiten, ästhetischen Normen und damit verbundenen Zwänge. Es soll schließlich aber auch nicht geleugnet werden, dass Gefahr besteht, sich mit dem Absurden auf gänzliche  Bodenlosigkeit einzulassen, die auszuhalten nur dem Starken vergönnt ist, der diesen Zustand zu genießen weiß und ihm eine gewisse Heiterkeit für sein Leben entnimmt

Es lebe das Absurde, Skurrile, Bizarre!